"Steine, Sand und Dornen…."
"Steine, Sand und Dornen…."
"und die Morgenfrühe..."
Hans Enzinger, Gerhard Roth, Reiner Weber beim Sonnenaufgang in der Namib 200 m hoch.
Abenteuer Namibia 2009
Am 27. April machten sich vier Altpfadfinder der Gilde Maximilian Bayer, Gerhard Roth, Nico Schäffer, Reiner Weber und Hans Enzinger, zu einer dreiwöchigen Abenteuer Safari im südlichen Afrika auf, um in Namibia – dem einstigen Deutsch- Südwestafrika – nach den Spuren des Mannes zu suchen, dessen Namen ihre Gilde trägt. Hier ihr Bericht der außergewöhnlichen Fahrt:
In Windhoek wurden wir von Hartmuth Voigt empfangen, der mit vielen Gleichgesinnten hier im Land im Auftrag des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge die Kriegsgräber aus den Tagen des Herero und Hottentottenaufstands (1904- 1907 ) und des Ersten Weltkrieges ( 1914 – 1915 ) betreut. Nachdem wir uns landesüblich ausgerüstet hatten, rollten wir mit einem geländegängigen Vehikel, das über zwei Autodachzelte verfügte, und dem hier unbedingt empfehlenswerten Wasservorrat gen Norden.
Schon nach knapp 100 km Pistenfahrt stießen wir mitten in der Kameldornsteppe auf drei einsame Gräber deutscher Schutztruppenreiter, die in dieser Einöde am 13. April 1904 im Gefecht bei Oviumbo gefallen waren. Einer der Toten war ein guter Freund Maximilian Bayers gewesen. Noch öfters sollten wir uns vor so schlichten Grabsteinen (und auch größeren Grabfeldern ) zu stillem Gedenken zusammenfinden und der Frage nachsinnen, für wen und wofür diese jungen Männer vor nunmehr 105 Jahren eigentlich ihr Leben gelassen haben. Eine Antwort auf diese Frage fällt heute nicht leicht.
In Okahandja, umringt von bettelnden schwarzen Kinderscharen, wurde uns erstmals der krasse Gegensatz zwischen den ärmlichen Behausungen der Hereros und den mit Stacheldraht umzäunten und von scharfen Hunden bewachten Farm- und Stadthäusern der Weißen bewusst.
Das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß ist leider nach wie vor nicht spannungsfrei; man lebt noch nicht miteinander, sondern misstrauisch nebeneinander her. Die Weißen, insbesondere auch die Deutschen und deutschstämmigen Namibianer, betonen ihre kulturelle Überlegenheit und ihre technische und Wirtschaftliche Kompetenz, die, das ist unbestreitbar, Namibia bislang vor einem Schicksal wie in Simbabwe bewahrt haben. Die Schwarzen pochen dagegen auf ihre politische Machtstellung. Aber ihre Front zeigt unübersehbar große Risse. Die Ovambos, sie stellen ca. 70% der Bevölkerung, dominieren seit 1958 in der SWAPO und beherrschen seit der Erlangung der Unabhängigkeit das Land. Sämtliche Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft sind in ihrer Hand. Alle anderen Schwarzen Völkerschaften, ganz gleich ob Herero, Damara, Buschmänner, Rehobother Bastards, Bondelswarts Feldschuhträger oder Himba u.a., müssen sich gegenwärtig mit einer de facto bestehenden Ovambo-Diktatur abfinden. Zukunftsprognosen für Land und Leute sind daher höchst gewagt.
Über die Bergbaustadt Tsumeb mit ihrem der deutschen Kolonialgeschichte verpflichteten Museum erreichten wir Fort Namutoni, einst Schutztruppenstützpunkt, heute Rastplatz und Hotel in der Etosha Pfanne, dem größten, bereits 1907 vom damaligen deutschen Gouverneur v. Lindquist ausgewiesenen Wildreservat des südlichen Afrika. Drei Tage fuhren wir kreuz und quer durch das Wildparadies dieser Salzsteppe und erfreuten uns brav im Auto sitzen bleibend an den oft überraschenden Begegnungen mit vielen afrikanischen Wildarten, u.a. großen Gnu, Zebra und Springbockherden, lustigen Warzenschweinrotten, diversen großen Antilopen, Gazellen, Giraffen, Nashörner und Elefanten. Am beleuchteten Wasserloch der Raststätte Okaukuejo konnten wir des nachts sogar ein Löwenpaar bewundern. Weil wir über diesen Anblick das Abräumen unserer Koch und Essgeschirre versäumten, machten sich in der Nacht Schabrackenschakale darüber her und verteilten Teller, Bestecke und Pfannen in weitem Umkreis um unsere fahrbare Unterkunft.
Überreichung unseres Gastgeschenkes
Im Swakopmunder Pfadfinderheim. Im Bild v. li.: Gerhard Roth, Nico Schaeffer, Berta Fritze, Hans Fritze, Reiner Weber, Hans Enzinger
Nächstes Ziel war die von Horst Dietz und seiner Regine gepachtete Schleyer- Farm "Etendero", wo wir traditionelle Südwester Gastfreundschaft genossen und Kallas Sohn trafen, der hier mit einem Studienfreund zur Jagd gehen wollte. Nach einem herrlichen Grillabend, in dessen Verlauf wir dem von Horst gekonnt zubereiteten erlesenen Fleisch von Oryx und Kudu wacker zusprachen, rollten wir am nächsten Morgen einige 100 Kilometerchen gen Süden zum gewaltigen Hardap – Staudamm, dem Wasserreservoir der ganzen Region, das bei manchmal jahrelang anhaltender Trockenheit die Existenz vieler Farmen sichert.
Gibeon – Wohnort des berühmten Nama Kapitäns Hendrik Witboi, wo Maximilian Bayer am 21.April 1905 mit dem Oberkommando der Schutztruppe Quartier bezogen hatte und Keetmanshoop, von wo aus die von Bayer geplanten und errichteten Heliographen- Linien sowie die Telegraphen und Funkstationen im Juli 1905 alle verfügbaren Schutztruppenverbände zu einer großen Operation gegen die Aufständischen heranbefohlen hatten, waren unsere nächsten Stationen. Wie überall auf unserer Fahrt stießen wir auch im letztgenannten Ort auf bedeutende Relikte aus der deutschen Kolonialherrschaft. Das "kaiserliche Postamt", die kaiserliche Polizeistation und die von Missionar Fenchel mit eigenen Händen erbaute massive Steinkirche, dazu viele Farmen in der näheren und weiteren Umgebung (nicht wenige mit deutschen Namen!) zeugen noch immer vom Bemühen unsrer kolonialzeitlichen Ansiedler das Land zu entwickeln nicht nur auszubeuten. Ihre Nachfahren sind das darf sine ira et studio festgehalten werden, bis heute mit die Garanten für den sehr bescheidenen, im Vergleich zu den Nachbarstaaten jedoch relativ hohen Wohlstand des Landes; ohne ihr technisches, wirtschaftliches, wissenschaftliches und medizinisches Know-how liefe hier nichts!
Zweifellos einer der Höhepunkte unserer Fahrt war der Blick in den Fishriver – Canyon den zweitgrößten der Welt. Fünfhundert Meter tief hat sich der Fischfluss hier in Jahrmillionen durch die Tafelberge "gesägt", atemberaubend!
Auf dem ehemaligen Baiweg, über "Aus" (im ersten Weltkrieg ein berüchtigtes Kriegsgefangenenlager der Briten) und Kubub erreichten wir nach langer Fahrt entlang der noch nicht fertiggestellten Eisenbahnlinie das pittoreske, kleine Hafenstädtchen Lüderitz mit seinen historischen Bauten, wo die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Gänzlich unverhofft stießen wir im Museum der ältesten deutschen Stadtgründung im heutigen Namibia (1883 ) dann auf den Namen "Krüger", womit aber nicht der legendäre Burenpräsident, sondern unsere "Wato" gemeint war, die dem Museum bei ihrem Besuch vor Jahren einige Exponate übereignet hatte. Nachdem wir der Felsenkirche einen Besuch abgestattet und anschließend in einem Fisch-Restaurant unsere Mägen verwöhnt hatten, übernachteten wir auf dem Campingplatz der Haifischinsel, wo heute nur noch ein Gedenkstein an das auf Befehl von General v. Trotha hier eingerichtete Gefangenenlager erinnert, in dem 1904 – 1907 aufgrund des ungewohnten Klimas, unzureichender Verpflegung und menschenunwürdigen hygienischen Verhältnisse Hunderte von Hereros und Namas elendig zu Tode gekommen waren, ehe das Lager u a. nach energischen Protesten zweier alter "Afrikaner", des Obersten v. Deimling und des Majors v. Estorff, endlich aufgelöst wurde. Von Lüderitz aus hatte der schwer herzkranke Maximilian Bayer am 17 September 1905 auf der "Hans Woermann" die Heimreise angetreten. Wir dagegen erkundeten tags darauf die Geisterstadt Kolmannskop. 1956 hat der letzte Einwohner diese von deutschen Diamantensuchern, - händlern, Unternehmern erbaute Siedlung verlassen, die einst über ansehnliche Wohn- und Geschäftshäuser und ein zweigeschossiges Casino verfügte, dessen Theatervorstellungen weithin bekannt waren. Heute versinkt der Ort im Wüstensand, den der Südwind ständig heranweht.
Danach folgten wir der ,Pad` nach Norden zu zwei bedeutenden Natursehenswürdigkeiten der mittleren Namib: dem Sesriem-Canyon wo man früher sechs Riemen eines Ochsengespanns aneinanderknoten musste um das Wasser vom Klammboden empor holen zu können und der abflusslosen Pfanne des Sossusvlei, die inmitten der höchsten Wanderdünen der Erde liegt.
Unser mühsamer Aufstieg auf der Luvseite einer der bis 200m hohen Sandhügel wurde durch einen großartigen Rundblick belohnt Früh am nächsten Morgen erlebten wir dann einen phantastischen Sonnenaufgang, der jegliches Gespräch verstummen ließ.
Um den mächtigen Gebirgsstock der Naukluft – Schauplatz von Maximilian Bayers Erzählung „ Die Helden der Naukluft„ herumfahrend, der in den frühen Kolonialkämpfen (1894 ) Hendrik Witboi u. seinen Orlogleuten als natürliche Festung gegen die deutsche Schutztruppe unter Oberst Theodor Leutwein gedient hatte, erreichten wir über Walfishbay das ca. 17000 Einwohner Swakopmund, wo wir von Hans u. Berta Fritze – Mitglieder unserer "Altpfadfindergilde Swakopmund" bereits erwartet wurden.
Mit berechtigtem Stolz zeigten uns beide das dortige Pfadfinderheim das an Kasernenbauten der Schutztruppe erinnert. Ein Heliograph und Bilder von Maximilian Bayer beeindruckten und bestätigten uns zugleich, dass wir wieder mal auf der richtigen Fährte waren. Mit einem gemeinsamen Abendessen in einem deutschem Restaurant mit Familien der Altpfadfindergilde wurde der Tag beschlossen. Am nächsten Morgen besichtigten wir die 1892 gegründete und seither ihr deutsches Antlitz bewahrende Stadt mit ihren zahlreichen aus der deutschen Kolonialzeitstammenden, gut renovierten Bauten. Als Maximilian Bayer 1904 hier eintraf und als Generalstäbler das improvisierte Nachschubwesen der Schutztruppe ordnete, mussten Fracht und Passagiere noch in Brandungsbooten an Land gebracht werden, denn die Landungsbrücke, das heutige Wahrzeichen der Stadt, wurde erst kurz vor dem ersten Weltkrieg fertig gestellt. Der Leuchtturm gegenüber der alten Mole, das nahegelegene einstige kaiserliche Bezirksgericht, das zu Ehren der Gefallenen des Marine Expeditionskorps errichtete Marinedenkmal, die neubarocke bayerische Kirchenbauten erinnernde Ev.- Lutherische- Kirche und das berühmte 1903/1904 als Fachwerk errichtete Woermann-Haus mit seinem die Innenstadt überragenden Damara-Turm sind unübersehbare Zeugen der kurzen deutschen Kolonialzeit.
Wie sich die Bilder gleichen, Abflug und Ankunft
von li.: Nico Schaeffer, Hans Enzinger, Reiner Weber, Gerhard Roth
Nach herzlichem Abschied von den Fritzes führte unsre Fahrt anderntags entlang der Küste und jahrtausendealten Höhlenmalereien. Eine davon die 1918 von dem deutschen Landvermesser Reinhard Maak entdeckte, inzwischen weltberühmte "Weiße Dame", eine ca.40 cm hohe Figur, die Pfeil und Bogen in den Händen hält, hat bis heute ihr Geheimnis bewahrt und gehört zu den meistdiskutierten Funden Afrikas.
Auf der Weiterfahrt nach Khorixas erlebten wir dann eine große Überraschung, es regnete absolut ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Über das Verwaltungszentrum des Damaralandes erreichten wir am nächsten Tag Omaruru. Das kleine Regionalzentrum am Nordrand des Erongo Massivs wurde 1904 von den aufständischen Hereros belagert, aber nach einem legendären Gewaltritt von Hauptmann Franke und seiner 2. Schutztruppenkompanie entsetzt. Aus dieser Zeit stammt der 1907 erbaute Franke Turm und das vor ihm aufgestellte deutsche Feldgeschütz, beliebte Fotomotive für Touristen. In Groß Barmen, bereits 1844 durch Carl Hugo Hahn als eine der ersten Stationen der Ev. Rheinischen Mission gegründet, erinnern nur noch die Ruinen des Missionshauses, die Kirche und der alte Friedhof an die segensreiche Arbeit der Missionare. Heute ist Gr. Barmen ein Naherholungsort von Windhoek und Mineralthermalbad. Letzteres nutzten wir ausgiebig zum Entspannen, ehe wir uns dann in Richtung Hauptstadt auf den Weg machten.
Drei Tage waren wir hier zum Abschluss unserer Fahrt Gäste von Hartmut und Harald und jetzt nach fast drei Wochen Namibia gab es zum Frühstück endlich einmal das von Gerhard so hoch gepriesene Traditionsgericht "Milipapp". Naja, der Hunger zwang`s nei! Für den obligatorischen Stadtbummel, mit Besichtigung des Tintenpalastes (einst Sitz des deutschen Gouverneurs ), der alten Feste , des bekannten Standbilds des Reiters von Südwest, des Francoisdenkmals und der wilhelminischen Friedenskirche, sowie den Einkauf bzw. das Feilschen um Erinnerungsgeschenke nahmen wir uns viel Zeit. Durch Zufall hörten wir im Radio von einer Einladung der Windhoeker Pfadfinder zu Kaffee und Kuchen, und ließen uns diese unverhoffte Chance die Gruppe kennenzulernen natürlich nicht entgehen. Empfangen mit großem Hallo, herzlich begrüßt von Klaus Peter Jakobi, der hier eine Altpfadfindergilde gründen will, beteiligten wir uns kräftig beim Singen der Gemeinschaft und am anregenden Gespräch über Pfadfinderisches. Beim Abschied wurden uns, wie zuvor auch schon in Swakopmund, Grüße an die deutschen Pfadfinder aufgetragen. Wir versprachen sie auszurichten und erfüllen mit diesen Zeilen unser Versprechen.
Und dann hieß es: Einpacken! Ab zum Flugplatz! Drei unvergessliche Wochen in einer faszinierend urigen Landschaft geprägt von Steppe, Wüste und Gebirgen lagen hinter uns. Fazit: Maximilian Bayers hohem Lobpreis von Land und Leuten können wir, auch nachdem inzwischen über hundert Jahre verflossen sind, freudig zustimmen.
H. Enzinger K Scherer




